Lech Lecha: Das Recht des Erstgeborenen
In der Torah-Portion Lech Lecha finden wir nicht nur die Aufforderung an Abraham, in das Land Kanaan zu ziehen, sondern auch grundlegende Konzepte, die für die Ordnung innerhalb unserer Familien von großer Bedeutung sind.
Eines dieser Konzepte ist das Recht des Erstgeborenen. In diesem Beitrag wollen wir die Verantwortung, die mit dieser Rolle einhergeht, näher betrachten und untersuchen, wie Abraham, ob er nun tatsächlich der Erstgeborene war oder nicht, diese Verantwortung erfüllte.
Paraschat Lech Lecha
1. Mose 12,1-17,27
Jesaja 40,27-41,16; Johannes 8,51-58
Lech Lecha und das Konzept des Erstgeborenen
Laut der Torah ist der erstgeborene Sohn der Erbe einer doppelten Portion des Vaterhauses. Dies wird in den folgenden Versen deutlich:
… sondern er soll den Erstgeborenen, nämlich den Sohn der Verschmähten, anerkennen, indem er ihm von allem, was vorhanden ist, zwei Teile gibt; denn dieser ist der Erstling seiner Kraft, und das Recht der Erstgeburt gehört ihm.
(5. Mose 21,17; SLT)
Wir sehen, dass der erstgeborene Sohn eine besondere Stellung einnimmt, die mit Rechten und Pflichten verbunden ist. Wenn der Vater stirbt, wird dieser sein Erbteil gerecht unter den Söhnen verteilen. Doch der Erstgeborene erhält das doppelte Erbe, was die Bedeutung seiner Rolle im Familienverbund unterstreicht. Sollten keine Söhne vorhanden sein, fällt das Erbe an die Töchter (4. Mose 27,1-11).
Abrahams Stellung in seiner Familie
Im Fall Abrahams bleibt unklar, ob er der Erstgeborene von Terach war. In der jüdischen Tradition wird eher angenommen, dass Haran diese Stellung einnahm. Allerdings starb Haran, was Terachs Söhne auf Nahor und Abram reduzierte.
Das Schicksal Harans könnte Abraham in die Position des Erstgeborenen gerückt haben. Doch letztlich spielt die Geburtenreihenfolge keine so große Rolle, da sich Abram durch sein Verhalten, wie wir es in Lech Lecha kennenlernen, als Erstgeborener qualifiziert.
Die Verantwortung, die mit dem Erbteil des Erstgeborenen einhergeht, ist nicht nur eine Frage des materiellen Besitzes, sondern auch der moralischen Verpflichtungen. Und diese füllte Abram vorbildlich aus.
Der erstgeborene Sohn ist nicht nur Erbe, sondern übernimmt auch eine Führungsrolle innerhalb der Familie. Diese Verantwortung bedeutet, sich um die Familie zu kümmern und in schwierigen Zeiten Hilfe zu leisten. Im Grunde füllt der erste Sohn damit die Lücke, die der verschiedene Vater hinterlassen hat.
Abrahams Verantwortungsbewusstsein
Abraham zeigte sein Verantwortungsbewusstsein in diversen Situationen. Es offenbarte sich etwa darin, dass er Lot, den hinterbliebenen Sohn Harans, mitnahm, als er von Gott den Befehl erhielt, in das Land Kanaan zu ziehen. Dies war ein entscheidender Moment, in dem Abraham nicht nur seine eigene Zukunft, sondern auch die seines Neffen im Blick hatte.
Sein Verantwortungsbewusstsein wurde auch deutlich, als die Herden von Abraham und Lot so stark wuchsen, dass beide nicht miteinander leben konnten. Abraham gab Lot die Wahl, wo er sich niederlassen möchte, und nahm selbst den Rest. Damit stellte Abram seine eigenen Interessen zurück und gewährte Lot den Vorzug (1. Mose 13,5-13).
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für Abrahams Verantwortungsbewusstsein findet sich in 1. Mose 14. Dort lesen wir, dass Abraham mit 318 Mann gegen fünf Könige zog, um Lot zu befreien. Trotz der Übermacht der Gegner zögerte der Stammvater nicht, sich in Gefahr zu begeben:
Als nun Abram hörte, dass sein Bruder gefangen sei, bewaffnete er seine 318 erprobten Knechte, die in seinem Haus geboren waren, und jagte jenen nach bis Dan.
(1. Mose 14,14; SLT)
Dieser Mut zeigt, dass Abraham bereit war, alles zu riskieren, um seinem Neffen zu helfen. Er handelte wie ein erstgeborener Sohn, der für seine Familie einsteht, unabhängig von seiner tatsächlichen Geburtsreihenfolge. Im Zweifel war er sogar bereit, im Kampf zu fallen, um seinem Neffen die Freiheit zu ermöglichen.
Daran haben wir die Liebe erkannt, dass Er sein Leben für uns hingegeben hat; auch wir sind es schuldig, für die Brüder das Leben hinzugeben.
(1. Johannes 3,16; SLT)
Die Bedeutung von Verantwortung in der Familie
Abrahams Handlungen verdeutlichen, wie wichtig es ist, Verantwortung in der Familie zu übernehmen. Auch wenn er nicht der Erstgeborene war, erfüllte er dennoch die Rolle des Erstgeborenen durch sein Verhalten. Diese Verantwortung sollten wir als Eltern an unsere Söhne weitergeben. Es ist unsere Aufgabe, sie so zu erziehen, dass sie die Werte des Erstgeborenen in sich tragen, unabhängig von ihrer Geburtsposition.
So wie Abraham sich um Lot kümmerte, sollten auch wir unseren Kindern beibringen, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Indem wir in unseren Familien eine Kultur der Unterstützung und des Zusammenhalts schaffen, ermöglichen wir es unseren Söhnen, auch im Erwachsenenleben die Rolle des Erstgeborenen zu übernehmen.
In diesem Sinne sollten wir uns durch unsere Erziehung bemühen, dass wir, wenn wir eines Tages unser Erbe an unsere Söhne weitergeben, die Wahl zwischen vielen Söhnen haben, die in der Lage sind, diese Verantwortung zu tragen. So können wir denjenigen segnen, der seine Rolle erfüllt hat, während auch die anderen in der Lage sind, diese Verantwortung zu übernehmen.
Fazit
Die Lehren aus Lech Lecha, Abrahams Leben und seiner Verantwortung als vermeintlicher Erstgeborener bieten uns wertvolle Einsichten für die Erziehung unserer eigenen Kinder. Indem wir die Konzepte der Torah in unsere Familienordnung integrieren, können wir eine Atmosphäre schaffen, in der jeder Sohn die Möglichkeit hat, sich als Erstgeborener zu beweisen.
Lasst uns anstreben, dass unsere Kinder die Werte des Verantwortungsbewusstseins und der Fürsorge für andere in sich tragen, sodass sie bereit sind, in die Fußstapfen Abrahams zu treten.
Wenn ihr aber Christus angehört, so seid ihr Abrahams Same und nach der Verheißung Erben.
(Galater 3,29; SLT)
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
