Chajeh Sarah: Abraham – Mehr als nur ein wandernder Hirte
Die Torahportion Chajeh Sarah gibt uns Einblicke in eine oft übersehene Seite Abrahams. Meist wird er als wandernder Hirte beschrieben, der reich an Vieh und Silber durch Kanaan zog, aber sonst kaum Bedeutung hatte.
Doch die Geschichte zeigt das Gegenteil: Abraham war zu seiner Zeit eine beeindruckende Persönlichkeit. Ich würde ihn als den Salomo seiner Zeit bezeichnen. Was ihm dazu fehlte, war lediglich das Reich Israel. Der Einfluss und die Stellung des Patriarchen werden insbesondere in der Interaktion mit Ephron deutlich.
Paraschat Chajeh Sarah
1. Mose 23,1-25,18
1. Könige 1,1-31; Johannes 4,3-14
Abrahams Vorgeschichte: Vom Götzendienst zum Glauben
Abraham tritt in der Tora erstmals in 1. Mose 12 als handelnde Figur in Erscheinung. Dort wird er als 75-Jähriger beschrieben, der von Gott aufgefordert wird, sein Vaterhaus zu verlassen und in ein neues Land zu ziehen:
Und der HERR sprach zu Abram: Geh hinaus aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde!
(1. Mose 12,1; SLT)
Abrahams Vorgeschichte liegt jedoch größtenteils im Dunkeln. Jüdische Überlieferungen berichten, dass sein Vater Terach ein Beamter und Götzendiener am Hof Nimrods war.
Seine Geburt kündigte sich durch eine bestimmte Sternenkonstellation an, was ihn zu einem Vorschatten des Messias werden ließ. Die Astrologen Nimrods wiesen den Herrscher daraufhin, dass Abraham für ihn eine Gefahr sein könnte. Aufgrund dessen versteckte Terach seinen Sohn in einer Höhle.
Abraham wandte sich vom Götzendienst seines Vaters ab und erkannte den Schöpfer von Himmel und Erde. Zudem habe er einige Zeit bei den bekannten Größen Ihrer Zeit, Schem und Eber verbracht und dort mehr von Gott erfahren. Abraham war schon früh eine bekannte Persönlichkeit und für Nimrods Reich eine Bedrohung.
Abraham in Kanaan: Vom Nomaden zur einflussreichen Figur
Nach seiner Ankunft in Kanaan erhielt Abraham eine Verheißung von Gott, die wir bereist aus Lech lecha kennen:
Da erschien der HERR dem Abram und sprach: Deinem Samen will ich dieses Land geben! Und er baute dort dem HERRN, der ihm erschienen war, einen Altar.
(1. Mose 12,7; SLT – Hervorhebung durch den Verfasser)
Doch Abraham blieb nicht der einfache Nomade. In Ägypten wurde er vom Pharao geehrt, der ihm reiche Gaben schenkte (1. Mose 12,10-20). Als sich Abraham später von Lot trennte, weil ihr Besitz zu groß für ein gemeinsames Leben war, zeigte sich seine Stärke: Als Sodom überfallen wurde, sammelte Abraham 318 Verbündete und befreite Lot (1. Mose 14).
Er wurde von Melchisedek gesegnet, dem König von Salem, und schloss Bündnisse mit wichtigen Persönlichkeiten seiner Zeit, wie dem Philisterkönig Abimelech (1. Mose 21,22-34). Diese Bündnisse zeigen Abrahams Einfluss und den Respekt, den er genoss. In Beersheba baute er einen Hain und rief den Namen Gottes an:
[Abraham] aber pflanzte eine Tamariske in Beerscheba und rief dort den Namen des HERRN, des ewigen Gottes, an.
(1. Mose 21,33; SLT – Hervorhebung durch den Verfasser)
Eine alternative Übersetzung des gefetteten Textes lautet:
“… und rief dort den Namen des HERNN, des ewigen Gottes aus.”
Folgende Deutung passt dazu: Abraham lehrte die Menschen in Kanaan über Gott, baute eine Yeshiva (Schule) in der Nähe der Tamariske und trug dazu bei, dass viele den Glauben an Gott annahmen.
Chajeh Sarah und der Kauf der Höhle Machpelah
Als Sarah starb, stand Abraham vor einem Problem: Er besaß keinen eigenen Grundbesitz. Er wandte sich an Ephron, den König bzw. Bürgermeister von Hebron, um die Höhle von Machpelah zu kaufen. Dass Hebron seine Stadt war, geht aus folgendem Vers aus Chajeh Sarah hervor:
Und Ephron saß mitten unter den Hetitern. Da antwortete Ephron, der Hetiter, dem Abraham vor den Söhnen Hets, vor allen, die durch das Tor seiner Stadt aus- und eingingen, und sprach: …
(1. Mose 23,10; SLT)
Abraham bezeichnete sich als Fremdling ohne Bürgerrecht, was Ephrons Position als Herrscher von Hebron unterstreicht. Doch auch Abraham kein Unbekannter. Vielmehr galt er als Fürst Gottes (1. Mose 23,6). Dennoch verneigt er sich vor dem (einfachen) Volk Hebrons:
Da stand Abraham auf und verneigte sich vor dem Volk des Landes, vor den Hetitern.
(1. Mose 23,7; SLT)
Ephron sprach Abraham als „mein Herr“ an, ein Ausdruck des Respekts:
Nein, mein Herr, sondern höre mir zu: Ich schenke dir den Acker, und die Höhle darin schenke ich dir dazu, und schenke sie dir vor meinem Volk; begrabe deine Tote!
(1. Mose 23,11; SLT)
Diese Formulierung könnte auch darauf hindeuten, dass Ephron in der direkten Gegenüberstellung nicht das Wasser reichen konnte. Schließlich stand er vor dem Volk seiner Stadt und würde die bessere Figur machen, wenn Abraham Respekt zollte.
Ephron hätte dem Hebräer den Acker gern geschenkt. Doch Abraham bestand darauf, den vollen Preis von 400 Schekel Silber zu zahlen. Diese Summe war enorm, aber Abraham wollte Ephron ehren und ein transparentes Geschäft abschließen.
Die Bedeutung der Zahl 400
Die 400 Schekel Silber haben eine tiefere symbolische Bedeutung. Die Zahl 400 entspricht dem letzten Buchstaben des hebräischen Alphabets, dem ת (Taw), mit einem Zahlenwert von 400.
Im hebräischen Verständnis repräsentiert dies die Ganzheit, da die Welt durch Gottes Wort und damit aus den 22 hebräischen Buchstaben erschaffen wurde. Mit der Zahl 400 weist die Torah auf das Ende des Alphabets und damit auf die Vollendung der Schöpfung hin.
Bildlich gesehen hätte Abraham die ganze Welt kaufen können. Gott hatte sie ihm versprochen, indem er ihm “dieses Land” zusagte. Das hebräische Wort Land (Eretz) ist nämlich identisch mit dem Wort Erde.
Doch Abraham begnügte sich mit einem Acker, um seine Frau zu begraben. Er pochte nicht auf sein göttliches Recht, sondern ehrte sein Gegenüber und zahlte den vollen Preis.
Chajeh Sarah und die Lektion für unser Leben
Abrahams Verhalten in der Torahportion Chajeh Sarah sollte uns inspirieren, darüber nachzudenken, wie wir anderen Menschen begegnen. Trotz seiner hohen Stellung behandelte Abraham andere mit Respekt und Demut. Er nutzte seine Macht nicht, um Ansprüche geltend zu machen, sondern handelte in Liebe und Fairness.
Wie begegnen wir unseren Mitmenschen? Ehren wir unsere Familie, Freunde und Kollegen? Abrahams Beispiel fordert uns heraus, in allen Lebensbereichen – sei es in der Familie, im Beruf oder in der Gesellschaft – respektvoll und gerecht zu handeln.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
