Jom Kippur: Was wir über Sünde und Versöhnung wissen sollten
Jom Kippur gilt als der höchste Feiertag im hebräischen Kalender und folgt in der Abfolge der Herbstfeste Jom Teruah. Das auch als Versöhnungstag bekannte Fest steht ganz im Zeichen der Vergebung aller Sünden des Volkes Israels.
Da die Sünde uns Menschen dauerhaft von Gott trennt, hat der Allmächtige Jom Kippur geschaffen, um sich wieder mit uns zu vereinen. Doch welche Auswirkungen hat die Sünde tatsächlich auf uns und die Beziehung zu Gott? Wir werfen einen Blick darauf.
Der Ursprung der Sünde
Als Gott die Menschen schuf, entsprachen diese seinem Ebenbild (1. Mose 1,27). Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Menschen in ihrer äußeren Erscheinung dem Schöpfer gleich waren. Wohl aber waren ihre Gedanken und Emotionen Gott gefällig.
Dies war ein reiner Zustand. Adam und Eva lebten in der Gemeinschaft mit Gott. Im Grunde stand der Mensch mit dem Allmächtigen in einem heiligen Bund. Die einzige Bedingung, um den Bund zu bewahren, bestand in Adams Gehorsam gegenüber Gottes Geboten.
Ein Gebot war von besonderer Bedeutung:
Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du gewisslich sterben!
(1. Mose 2,16-17; SLT)
Als die Schlange Eva ansprach, säte sie Zweifel gegenüber diesem Gebot (1. Mose 3,1). Plötzlich war die Frau mit zwei sich widersprechenden Informationen konfrontiert. Die Klarheit der Worte Gottes war dahin, und sie wusste nicht, wem sie trauen konnte.
Schließlich entschied sich Eva, von der Frucht zu essen. Doch es blieb nicht nur dabei. Sie gab auch Adam und er aß (1. Mose 3,6). In der Folge bemerkten beide, dass sie nackt waren und schämten sich dafür.
Da wurden ihnen beiden die Augen geöffnet, und sie erkannten, dass sie nackt waren; und sie banden sich Feigenblätter um und machten sich Schurze.
(1. Mose 3,7; SLT)
Interessant ist dabei, dass die Nacktheit als Bild auf eine innige und vertraute Beziehung bisher kein Problem war (1. Mose 2,25). Erst mit der Sünde war es den beiden Menschen unangenehm, sodass sie sich bedeckten.
Das Bedecken schuf jedoch nicht nur eine Distanz zwischen den beiden Menschen, sondern auch zwischen ihnen und Gott. Der innige Bund zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen war gebrochen. Es hatte sich nun ein anderer Bündnispartner in die Beziehung gemischt. Die Schlange aus dem Totenreich.
Die Sünde, der Tod und Jom Kippur
Mir der Sünde Adams kam der Tod in die Welt.
Darum, gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod zu allen Menschen hingelangt ist, weil sie alle gesündigt haben …
(Römer 5,12; SLT)
Aufgrund des Ungehorsams der ersten Menschen lebten deren Nachfolger fortan in einer Art Dualismus. Sie kannten Gott. Sie kannten aber auch dessen Widersacher und dienten ihm.
Es gab also zwei Herren, für die sich die Menschen entscheiden konnten. Dabei setzte Gott immer auf die freiwillige Entscheidung. Satan hingegen auf Manipulation, Lüge und Angst, um die Menschen für sich zu gewinnen.
Auch heute stehen wir immer noch in diesem Dilemma. Wir müssen uns für den Herren entscheiden, dem wir dienen. Jom Kippur ist nun der Tag im Jahr, an dem wir uns endgültig festlegen müssen.
Jom Kippur und die Versöhnung
Jom Kippur ist eine hebräische Bezeichnung, die sich aus zwei Wörtern zusammensetzt.
- Jom: Bedeutet so viel wie Tag.
- Kippur: Kommt von dem Wort kaphar und wird oft mit Bedeckung oder Versöhnung übersetzt.
Damit kann der Versöhnungstag als der Tag verstanden werden, an dem unsere Sünden zugedeckt werden. Sie sind dann vor den Augen des himmlischen Vaters nicht mehr sichtbar, weil sie Jeschua mit seinem Blut bedeckt hat.
Der Sündenbock, der in die Wüste geschickt werden sollte, ist ein Sinnbild dafür (3. Mose 16,10). Aus der jüdischen Überlieferung wissen wir, dass dieser Bock nicht nur in die Wüste geschickt, sondern auch über eine Klippe gestürzt werden sollte, damit er nur nicht wieder käme.
Doch das hebräische Wort Kaphar hat noch eine weitere Bedeutung, die wir uns ansehen wollen. Diese Bedeutung zeigt uns, dass nicht nur Jeschua an Jom Kippur wirkt, sondern dass wir ebenfalls unseren Teil leisten müssen.
Die Auflösung des Bundes mit dem Tod
Der Prophet Jesaja spricht davon, dass das Volk in Jerusalem einen Bund mit dem Tod gemacht hätte.
Darum hört das Wort des HERRN, ihr Spötter, die ihr über dieses Volk herrscht, das in Jerusalem ist! Weil ihr sprecht: »Wir haben einen Bund mit dem Tod geschlossen und einen Vertrag mit dem Totenreich gemacht; wenn die überschwemmende Flut daherkommt, wird sie nicht zu uns gelangen; denn wir haben Lüge zu unserer Zuflucht gemacht und in Betrug uns geborgen!«
(Jesaja 28,14-15; SLT)
Aus meiner Sicht hat diese Prophetie zwei Ebenen. Sicher hat Jesaja zu den Juden seiner Zeit gesprochen. Allerdings war wenige Verse zuvor noch die Rede von Ephraim, einem Stamm des Nordens, der nicht identisch mit den Juden war (Jesaja 28,1).
Könnte es sein, dass sich die Prophetie vorrangig an die richtet, die im himmlischen Jerusalem ihre Heimat sehen? Dann wären die Worte zeitlos und würden sich auch an uns richten.
Das stellt uns vor die Fragen: Haben wir einen Bund mit dem Tod gemacht? Meinen wir manchmal, dass uns in unserer Sünde schon nichts passieren wird?
Gott sieht das anders, denn er spricht:
Und euer Bund mit dem Tod wird außer Kraft gesetzt, und euer Vertrag mit dem Totenreich hat keinen Bestand. Wenn die überschwemmende Flut daherfährt, so werdet ihr von ihr zermalmt werden;
(Jesaja 28,18; SLT – Hervorhebung durch den Verfasser)
Der fett markierte Bereich des Verses entspricht in der hebräischen Schrift dem Wort kaphar. Damit haben wir eine weitere mögliche Bedeutung für Jom Kippur. Es ist der Tag der Auflösung oder Kündigung von Bündnissen und Verträgen mit dem Totenreich.
Unser Auftrag an Jom Kippur
Durch die Sünde stehen wir im Bund mit dem Tod und dem Totenreich. Diesen Vertrag müssen wir an Jom Kippur kündigen. Und deshalb hat uns Gott den folgenden Auftrag gegeben:
Und das soll eine ewig gültige Ordnung für euch sein: Am zehnten Tag des siebten Monats sollt ihr eure Seelen demütigen und kein Werk tun, weder der Einheimische noch der Fremdling, der in eurer Mitte wohnt.
(3. Mose 16,29; SLT)
Wir sollen unsere Seelen demütigen. Im traditionellen Judentum wird dies oft mit Fasten gleichgesetzt, also mit dem Verzicht auf Essen und Trinken. Wer dauerhaft nicht isst und trinkt, stirbt.
Könnten wir diesen Akt so verstehen, dass wir unsere Schuld aus dem Vertrag mit dem Totenreich abtragen? Ist es nicht so, dass wir mit der Demütigung unserer Seele und dem damit verbundenen Fasten signalisieren, die Konsequenz unserer Sünde tragen zu wollen?
Da Jeschua den Preis bezahlt hat, tritt er letztlich an unsere Stelle. Dennoch müssen wir unseren Teil dazu tun und deutlich machen, dass wir uns zukünftig nur an ihn als unseren Herren halten. Und das tun wir im Gehorsam gegenüber seinen Geboten. Das Halten von Jom Kippur gehört dazu.
Ich wünsche euch ein gesegnetes Fest.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
