Der Tempeldienst – Eine Struktur für unsere Familien
Das Thema Tempeldienst ist in der Torah von zentraler Bedeutung. Doch was hat der Dienst im Tempel mit unserer heutigen Zeit und unserer Familie zu tun? In diesem Beitrag werden wir uns ansehen, wie die Ordnung des Tempeldienstes eine wertvolle Struktur für unser Familienleben bieten kann.
Der Bauplan der Stiftshütte – Ein Abbild himmlischer Prinzipien
Als Gott am Berg Sinai die Torah gab, übermittelte er auch den Bauplan für die Stiftshütte. Diese war ein Abbild der himmlischen Ordnung, wie es im Hebräerbrief heißt:
Denn weil das Gesetz nur einen Schatten der zukünftigen [Heils-] Güter hat, nicht die Gestalt der Dinge selbst, so kann es auch mit den gleichen alljährlichen Opfern, die man immer wieder darbringt, die Hinzutretenden niemals zur Vollendung bringen.
(Hebräer 10,1; SLT)
Die Stiftshütte, die später zum Tempel wurde, stellt somit eine irdische Repräsentation göttlicher Prinzipien dar.
Paulus weist uns in seinem ersten Brief an die Korinther darauf hin, dass unser Leib mit diesem heiligen Ort vergleichbar ist:
Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des in euch wohnenden Heiligen Geistes ist, den ihr von Gott empfangen habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?
(1. Korinther 6,19; SLT)
Aus den obigen Versen können wir Folgendes schließen: Der Tempeldienst erinnert uns an die Bedeutung, die unser Körper und unser Leben im göttlichen Plan haben. Er weist auf das Leben im messianischen Zeitalter hin und kann uns auch heute wertvolle Einsichten für unsere eigene Familie bieten.
Die tägliche Struktur des Tempeldienstes im Alltag Israels
Der Tempeldienst gab dem antiken Israel eine klare Struktur im Alltag. Jeden Morgen und Abend wurde im Tempel ein Brandopfer dargebracht, das tägliche Opfer eines Lammes. Diese Praxis diente als geistlicher Ankerpunkt für das Volk Israel. Auch in den Synagogen und Zusammenkünften im ganzen Land wurde dieser Opfer gedacht. Die gesamte Gemeinschaft war auf diese Weise mit dem Tempel und seinem Dienst verbunden.
Ein Beispiel aus dem Leben des Propheten Daniel zeigt, wie dieser Rhythmus auch im babylonischen Exil beibehalten wurde.
Als nun Daniel erfuhr, dass das Edikt unterschrieben war, ging er hinauf in sein Haus, wo er in seinem Obergemach offene Fenster nach Jerusalem hin hatte, und er fiel dreimal am Tag auf die Knie nieder und betete und dankte vor seinem Gott, ganz wie er es zuvor immer getan hatte.
(Daniel 6,11; SLT)
Die Praxis des dreimaligen Gebets, die im Judentum als Schacharit (morgens), Mincha (nachmittags) und Ma’arif (abends) bekannt ist, hat ihren Ursprung in diesen Tempelzeiten und reicht bis in die Zeiten der Patriarchen zurück.
- Morgengebet (Schacharit) – Abraham:
Abraham aber begab sich früh am Morgen zu dem Ort, wo er vor dem HERRN gestanden hatte. (1. mose 19,27; SLT) - Nachmittagsgebet (Mincha) – Isaak: … weil Isaak zur Abendzeit auf das Feld gegangen war, um zu beten; und er blickte auf und sah, und siehe, Kamele kamen daher. (1. Mose 24,63; SLT)
- Abendgebet (Ma’arif) – Jakob: Und er kam an einen Ort, wo er über Nacht blieb; denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm von den Steinen jenes Orts und legte sie unter sein Haupt und legte sich an dem Ort schlafen. (1. Mose 28,11; SLT)
Gebetszeiten für die Familie etablieren
Wenn wir die Ordnung des Tempeldienstes auf unser Familienleben übertragen, können wir zwei bis drei Momente am Tag schaffen, in denen wir uns persönlich oder als Familie im Gebet Gott zuwenden. In unserer Reihe zur Macht des Gebets haben wir bereits die kraftvolle Wirkung des Gebets beschrieben. Wenn Gott in der Torah Gebetszeiten vorgibt und auch unsere Glaubensväter Abraham, Isaak und Jakob zu diesen Zeiten beteten, ist es nur weise, diese Strukturen in unseren Alltag zu integrieren.
Ein morgendlicher geistlicher Impuls, bevor die Kinder das Haus verlassen, kann ihnen helfen, den Tag bewusst zu beginnen. Auch am Abend, bevor sie schlafen gehen, sind ein gemeinsames Gebet und ein Rückblick auf den Tag eine Möglichkeit, Dankbarkeit zu üben und den Tag im Frieden abzuschließen. Ein dritter Moment am Mittag oder Nachmittag kann als kurzer geistlicher Impuls genutzt werden, um den Fokus wieder auf Gott zu richten.

Praktische Umsetzungsideen für den Tempeldienst im Familienalltag
Die Frage bleibt: Wie setzen wir diese Struktur praktisch um? Hier sind einige Vorschläge:
- Morgendliches Gebet oder geistlicher Impuls: Bevor die Kinder das Haus verlassen, nehmen wir uns einen Moment für ein kurzes Gebet oder eine Bibellesung. Dies könnte ein kurzer Gedanke oder ein Segen sein, der sie am Tag begleiten kann.
- Mittags- oder Nachmittagsimpuls: Nach dem Vorbild des Mincha-Gebets kann auch der Nachmittag genutzt werden, um einen kurzen geistlichen Moment zu haben. Ein kurzes Gebet, vielleicht ein Psalmvers, kann helfen, den Fokus auf das Wesentliche zu lenken. Kinder, die lesen können, leisten einen großen Beitrag für sich und die Familie, wenn sie einen Psalm vorlesen.
- Abendgebet: Am Abend, bevor die Kinder ins Bett gehen, nehmen wir uns als Familie Zeit, um den Tag zu reflektieren, Dankbarkeit zu üben und Gott um Schutz zu bitten. Auch hier bietet sich ein kurzes Gebet oder eine gesprochene Danksagung an – entweder beim Abendessen oder im Bett.
Für Familien, die tiefer gehen möchten, ist es auch eine Möglichkeit, die traditionellen Gebete aus dem Siddur einzuführen. Diese Gebete wurden über Generationen weitergegeben und können ein wertvolles Werkzeug sein, um Kindern eine feste Gebetsstruktur beizubringen.
Ein Ort für Gott in unserem Zuhause schaffen
Der Tempeldienst hat das Ziel, Gott in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen. Wenn wir diese Struktur in unseren Familienalltag übernehmen, schaffen wir Räume und Zeiten, in denen Gott gegenwärtig ist. So wie Mose nach dem Vorfall mit dem goldenen Kalb sein Zelt außerhalb des Lagers aufstellte und es zu einem Ort der Begegnung mit Gott machte (2. Mose 33,7), können auch wir in unseren Häusern solche Orte und Zeiten schaffen.
Dieses tägliche Gedenken an Gott, diese Momente der Reflexion und des Gebets, machen unser Zuhause zu einem „Tempel Gottes“. Sie helfen uns, unser Leben auszurichten und in Verbindung mit dem Schöpfer zu stehen.
Die Kraft einer festen Gebetsstruktur für die Familie
Unsere Erfahrung zeigt, dass es eine wohltuende und stärkende Wirkung hat, wenn wir uns mehrmals täglich Zeit für Gott nehmen. Das dreimalige Gebet gibt unserem Leben eine Struktur, die uns nicht nur im Alltag stärkt, sondern uns auch tiefer in der Familie verbindet. In einer hektischen Welt ist diese Struktur eine Quelle der Ruhe und Kraft.
Die Gebetszeiten erinnern uns daran, dass wir nicht allein auf unsere eigenen Fähigkeiten angewiesen sind, sondern dass Gott stets bei uns ist. Wie David in den Psalmen schrieb:
Abends, morgens und mittags will ich beten und ringen, so wird er meine Stimme hören.
(Psalm 55,18; SLT)
Fazit: Den Tempeldienst als Familie leben
Zusammengefasst bietet uns die Struktur des Tempeldienstes eine wertvolle Weisheit, die wir in unsere Familien integrieren können. Wenn wir morgens, nachmittags und abends Momente der Besinnung und des Gebets einbauen, orientieren wir uns an der göttlichen Ordnung, die Gott für sein Volk vorgegeben hat.
Diese Struktur hilft uns, unser Zuhause zu einem heiligen Ort zu machen, zu einem „Tempel Gottes“. Sie stärkt nicht nur den Glauben, sondern bringt auch Ruhe und Klarheit in unseren Alltag. Gott wünscht sich, in unserem Leben und unseren Familien präsent zu sein. Lassen wir uns von dieser Weisheit inspirieren und gestalten wir unseren Familienalltag nach dem Vorbild des Tempeldienstes.
Als glücklicher Ehemann und Familienvater widmet sich Marco seit 2011 den hebräischen Wurzeln des biblischen Glaubens. Mit seiner Arbeit möchte er Familien einen Mehrwert bieten und sie auf ihrem Weg des Glaubens ermutigen. Mit seinen Texten und Inhalten möchte er dich anregen, die tiefgreifende Verbindung zwischen christlichen und jüdischen Traditionen zu entdecken und den Glauben auf einer neuen Ebene zu erleben.
